Christine de Grancy / A Day With David Bowie – Foto-Ausstellung

Seit November 2025 ist in München die Ausstellung „A Day With David Bowie“ zu sehen, aufgrund hoher Besucherzahlen wurde sie bis zum 12. April 2026 verlängert. Die in den Medien anerkennend gewürdigte Schau wollte ich mir nicht entgehen lassen, aber die Zeit drängte… Gemeinsam mit meinem Bruder Andreas besuchte ich diese erstmals in Deutschland gezeigte und ursprünglich in Los Angeles zusammengestellte Fotosammlung, im Münchner „Pineapple Park“.

Zunächst zur Location. Ernüchternd ist noch milde ausgedrückt. Die Ausstellung ist im ehemaligen Hochhaus auf dem Paketpost-Areal im Münchner Stadtteil Neuhausen untergebracht. Der Eingangsbereich ist nur wenig einladend und der Treppenaufgang wirkt leicht heruntergekommen. Solch eine Ausstellung würde man hier kaum vermuten, einen etwas schöneren Rahmen hätte sie schon verdient. Aber wie ich nachlesen konnte, entsteht um die denkmalgeschützte alte Paketposthalle künftig ein neues Wohn- und Geschäftsviertel, das „Paket-Post Quartier“. Bis zum Baubeginn dienen bestehende Gebäude, Hallen und das Gelände als eine Art Zwischennutzung für Events, Konzerte, Märkte und Ausstellungen, im sogenannten „Pineapple Park“.

„Zunächst etwas zur Fotografin Christine de Granzy. (geb. 1942 in Graz) sie war eine österreichische Fotokünstlerin, die mit ihren sensiblen, humanistischen Bildserien internationale Anerkennung fand. Bekannt für ihren respektvollen, stillen Blick auf Menschen und ihre Lebenswelten, bewegte sie sich zwischen Dokumentation und Kunst. Ob Porträts von Schauspielerinnen am Burgtheater, Langzeitbeobachtungen iranischer Nomaden oder Alltagsmomente in Afghanistan – ihre Arbeiten erzählen von Würde, Verletzlichkeit und der Schönheit des Realen. Während der Vorbereitungen zur Ausstellung in Los Angeles verstarb De Grancy am 20.3.2025 in Wien.“

„Christine de Grancy hatte 1994 die einmalige Gelegenheit, David Bowie sehr privat mit der Kamera begleiten zu dürfen. Auf Einladung von André Heller besuchte er damals zusammen mit Brian Eno das Gugging Art Center bei Wien und nahm sich viel Zeit für die Kunstwerke und Künstler. Dieser eine Tag hatte nicht nur großen Einfluss auf Bowies weiteres Schaffen, er sagt auch viel über diese zerrissene, suchende Künstlerseele aus. Es war also kein inszenierter Starauftritt, kein übliches Promi-Shooting. Er bewegte sich dort als interessierter, sensibler Beobachter und Zuhörer. In der Künstlerkolonie Gugging betätigten sich die Patienten zu Therapiezwecken als Künstler. Bowie zeigte sich fasziniert von diesen ungwöhnlichen Menschen und ihrem Werk.

„Heute ist der Kontext klar, weshalb Bowie nach Gugging wollte und warum er die „Art brut“ sammelte. In der Familie seiner Mutter gab es mehrere Fälle von Schizophrenie. Auch sein zehn Jahre älterer Halbbruder Terry Burns litt darunter und wurde im Londoner psychiatrischen Krankenhaus Cane Hill untergebracht. Von dort entfernte er sich an einem kalten Januartag 1985 und warf sich vor einen Zug. In Gugging wollte er möglicherweise nicht nur seinem Bruder nahe sein, sondern ihn auch ein wenig besser verstehen. Von den dortigen Künstlern liesen sich Bowie und Brian Eno erkennbar inspirieren. Im darauffolgenden Jahr erscheint das gemeinsame Album „1.Outside“, das sich mit dem Sein ausserhalb gängiger Normen beschäftigt. David Bowie erklärte nach der Veröffentlichung, dass Werk sei auch aus der Atmosphäre von Gugging heraus entstanden. Bereits 1993 versuchte er die Tragödie um seinen Halbbruder in seinem Song „Jump They Say“ auf dem Album „Black Tie White Noise“ zu verarbeiten. Die Patienten der Nervenklinik Gugging hatten keine Ahnung, wer sie da an diesem schönen Spätsommernachmittag am 8. September 1994 besuchte. Der stille, in sich gekehrte und unauffällig gekleidete Mann sprach nur Englisch, und das verstanden sie nicht. Doch der Mann interessierte sich ganz offensichtlich sehr für ihre Arbeiten, und diese zeigten sie ihm mit Stolz. Der Mann war David Bowie und er war nach Gugging gekommen, weil er die Menschen, die mit ihrer «Art brut» international bekannt geworden waren, kennenlernen wollte.“

Der Psychiater Leo Navratil hatte seine Patienten in den 1950er-Jahren zum Zeichnen angeregt. Das Jahr 1954 markierte den Beginn der Entstehung von Bildwerken in der damaligen psychiatrischen Klinik Heil- und Pflegeanstalt Gugging. Schon bald wurde die besondere Begabung einiger Patienten offensichtlich. Die «Künstler aus Gugging» wurden plötzlich international bekannt und gehandelt. Werke von August Walla, Oswald Tschirtner und Johann Hauser finden sich heute in verschiedenen Sammlungen und Museen, darunter in der Collection de l’art brut in Lausanne. Gugging verstand sich als vollbetreute Wohneinrichtung für Kunstschaffende mit Psychiatriehintergrund oder Behinderung. In ihr wurde die Grundlage für die künstlerische Tätigkeit der Bewohner gelegt. Im Haus der Künstler und besonders im offenen Atelier wurden Kunstschaffende individuell im schöpferischen Prozess unterstützt und gefördert. 2007 wurde die Einrichtung geschlossen und es entstand auf den ehemaligen Klinikarealen das Art/Brut Center Gugging als Kulturzentrum.“

„Die Musik-Ikone David Bowie begeisterte auf der Bühne Millionen von Menschen. Seine 26 Alben, unzählige Bühnenshows und Musikvideos sind legendär und haben nicht nur die Musikszene nachhaltig beeinflusst. Aber hinter dem weltbekannten David Bowie steckte der bürgerliche David Robert Jones, ihn konnte de Grancy auf intime und behutsame Weise festhalten. Diese Qualität des Auges ist maßgeblich für die  Bedeutung der Fotosammlung „A Day With David Bowie“ verantwortlich. Als Fotografin begleitete sie ihn leise, sah ihm uninszeniert beim Betrachten zu: Bowie von hinten, eine von August Walla bepinselte Hütte bestaunend. Bowie schön und versunken rauchend. Bowie sehend. Bowie zuhörend. Bowie lächelnd. Bowie sanft seine Hand dem zerbrechlichen Tschirtner auf die Schulter legend. Bowie in seinen Block skizzierend (was er zeichnete, sah de Grancy selbst nie).“

„Die Ausstellung „A Day With David Bowie“ zog in Los Angeles so viele Besucher ins Modern Art Museum, dass sie drei Mal verlängert wurde. Denn diese Bilder waren so noch nie zu sehen. Die Fotosammlung schlägt eine Brücke zwischen der Erfolgsgeschichte einer der schillerndsten Popikonen aller Zeiten und der Bildenden Kunst. Wir begegnen einem nachdenklichen Mann mit ehrlichem Interesse am Schicksal der Gugginger Patientenkünstler. Die Aufnahmen zeigen eine andere Seite von ihm: Die des Suchenden, der Inspiration weit jenseits der Glam-Rock-Bühnen. Bilder, die nicht nur Fans und Kunstinteressierte begeistern, sondern auch alle, die den Mythos Bowie näher erkunden wollen.“

Ja und zum Schluss noch mein persönlicher Eindruck zur Ausstellung selbst. Die Räumlichkeit war sehr abgedunkelt und die Fotografien und Bilder nur punktuell ausgeleuchtet. Eine etwas düstere, fast schon mystische Wirkung. In mehreren aufgeteilten Räumen waren viele Bilder verschiedener Gugging-Künstler zu sehen, die sich aber immer im Einklang mit Fotografien von Christine de Grancy bewegten. Auf einem Bildschirm und einer Leinwand zu sehende Interviews mit Bowie und de Grancy rundeten das informative Gesamtbild ab. Besonders beeindruckend die Tier-Bilder von Johann Fischer, Tusche-Wimmelbilder von Johann Garber, Tschirtners Riesenzeichnungen und eine Nachbildung vom ausgemalten „Walla-Raum“ – als Reproduktion zu sehen, man bewegte sich in einem wahren „Kunstraum“. Der dargestellte Engel ist eines von Wallas „Gott“-Wesen aus seinem ganz eigenen Mysterienkosmos, die den Tod besiegen sollten, androgyn, mit wirren Symbolen überfrachtet – die Nähe zu Bowies Fantasiewelten ist greifbar.

Was blieb von diesem einmaligen Besuch David Bowie’s  in Gugging? Christine de Grancy verstaute die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedachten Bilder in ihrem Archiv, sie zeigte sie auch 2016 gerade zu Bowies Tod absichtlich nicht. Einige Monate später wurde seine umfangreiche und bedeutende Kunstsammlung zeitgenössischer Künstler bei Sotheby’s in London versteigert. Unter den Werken international hoch gehandelter Künstler fanden sich auch etliche Arbeiten aus Gugging, die er nach seinem Besuch dort erwarb. Dadurch wurde Bowies Besuch 22 Jahre zuvor wieder in die Erinnerung gerückt. Christine de Grancy holte ihre bislang archivierten Fotos von jenem Tag aus der Schublade und zeigte sie 2017 erstmals allgemein zugänglich in einer Wiener Galerie. Das Wesentliche an dieser Foto-Sammlung ist für mich, der nachdenkliche und aufmerksame David Bowie scheint mit den Kunstwerken der außergewöhnlichen Künstler zu interagieren. Die Ausstellung hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir, auch aufgrund der Tatsache nur annähernd nachzuvollziehen wie dieser  Besuch wohl auf Bowie wirkte. Falls diese Ausstellung noch an anderen Orten zu sehen wäre, unbedingt besuchen…

„Wer noch mehr zum spannenden Hintergrund der Ausstellung erfahren möchte, dem empfehle ich das Essay-Buch „Sternenmenschen“ von Uwe Schütte. Er geht den Biografien der als »schizophren« diagnostizierten Outsider-Künstler nach, die er zur selben Zeit wie Bowie regelmäßig besuchte, er rekonstruiert die komplizierte Entstehung des Ausnahmealbums 1. Outside und umkreist den biografischen Hintergrund von David Bowies Interesse am Komplex Schizophrenie und Kunst, nämlich den tragischen Selbstmord seines geliebten Halbbruders Terry, der jahrelang in psychiatrischen Anstalten interniert war. In seinem beziehungsreichen Essay denkt Uwe Schütte darüber nach, wie umzugehen ist mit der Unberechenbarkeit des Lebens – und wie Kunst und Popmusik uns dabei helfen können. Sternenmenschen sind Menschen, die außerhalb stehen und für uns unerreichbar bleiben. Dabei kann es sich um einen Popstar wie David Bowie handeln, aber auch um soziale Außenseiter wie die sogenannten „Künstler aus Gugging“.  Der Freistaat Bayern vergab übrigens für diese Veröffentlichung im Jahr  2025 einen Preis.“ –Verlagsangaben-

Fotos: Thomas Fay